Fruchtbarkeitsstörungen bei Männern, Testosteronmangel und sexuelle Funktionsstörungen

Fruchtbarkeitsstörungen bei Männern, Testosteronmangel und sexuelle Funktionsstörungen

Die Fortpflanzungsorgane müssen sowohl für die Fruchtbarkeit als auch für die allgemeine Gesundheit richtig funktionieren. Beim Mann sind die wichtigsten Fortpflanzungsorgane der Penis und die Hoden (Testis).

Wichtige Funktionen der Hoden sind:

  • Bilden von Samenzellen (Spermien): Wenn man versucht, ein Kind zu bekommen, müssen die Hoden genügend Spermien in guter Qualität bilden. Falls die Bildung der Spermien und deren Qualität niedrig ist, kann dies zu Fruchtbarkeitsproblemen führen und die Chancen des Mannes verringern, ein Kind zu zeugen.
  • Bilden von Testosteron: Testosteron ist ein männliches Sexualhormon, das für die normale Entwicklung der Fortpflanzungsorgane (während der Pubertät), eine gute Sexualfunktion und die allgemeine Gesundheit wichtig ist. Wenn die Hoden nicht genügend Testosteron bilden, wird dies als Testosteronmangel

Manchmal können Probleme auftreten, wie zum Beispiel ein vermindertes sexuelles Verlangen oder Schwierigkeiten bei der Erektion (wenn der Penis hart wird) oder dabei, einen Orgasmus zu bekommen. Bei jedem können diese Probleme ab und zu auftreten. Wenn diese Probleme jedoch häufig und über einen längeren Zeitraum auftreten, spricht man von einer sexuellen Dysfunktion.

Fruchtbarkeitsstörungen, Testosteronmangel und sexuelle Funktionsstörungen können durch eine Schädigung der Fortpflanzungsorgane oder der Nerven, die diese steuern, verursacht werden.

Männliche Fortpflanzungsorgane
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Habe ich ein erhöhtes Risiko für eine Fruchtbarkeitsstörung, einen Testosteronmangel und sexuelle Funktionsstörung?

Bei jedem Mann, auch bei denen, die keine Krebstherapie hatten, können Fruchtbarkeitsstörungen, Testosteronmangel oder sexuelle Funktionsstörungen auftreten. Manche Erkrankungen oder Krebstherapien können jedoch das Risiko für Fruchtbarkeitsstörungen bei Männern, Testosteronmangel und sexuellen Funktionsstörungen im Laufe des Lebens erhöhen. Die Probleme, die auftreten können, hängen von der Art der Erkrankung und der Krebstherapie ab.

Die folgenden Krebstherapien können das Risiko für Fruchtbarkeitsstörungen bei Männern erhöhen:

  • Eine Gruppe von Chemotherapeutika, die Alkylanzien genannt werden, wie zum Beispiel Cyclophosphamid und Procarbazin. Fruchtbarkeitsstörungen treten häufiger nach einer Chemotherapie mit Alkylanzien in hoher Dosis auf. Manchmal können Fruchtbarkeitsstörungen aber auch bereits nach einer Chemotherapie mit Alkylanzien in niedriger Dosis auftreten.
  • Eine Bestrahlung der Hoden oder eines Bereichs, der die Hoden einschließt.
  • Ergänzend aus deutschen S2k-Leitlinie: Ein chirurgischer Eingriff (Operation) an den Hoden.

Die folgende Krebstherapie kann das Risiko für einen Testosteronmangel erhöhen:

  • Eine Bestrahlung (12 Gray oder mehr) der Hoden oder eines Bereichs, der die Hoden einschließt, kann die Bildung von Testosteron stören, was zu einem Testosteronmangel führen kann. Ein Testosteronmangel tritt häufiger nach einer Bestrahlung mit hoher Dosis auf. Manchmal kann ein Testosteronmangel aber auch nach einer Bestrahlung mit geringer Dosis (unter 12 Gray) auftreten.

Die folgende Erkrankung kann das Risiko für eine sexuelle Dysfunktion erhöhen:

  • Ein Hypogonadismus. Das ist, wenn die Hoden nicht genügend Testosteron bilden, weil sie selbst geschädigt sind oder weil zu wenig Botenstoffe (Hormone) aus dem Gehirn ausgeschüttet werden.

Die folgenden Krebstherapien können das Risiko für eine sexuelle Dysfunktion erhöhen:

  • Eine Bestrahlung des Beckens oder eines Bereichs, der das Becken einschließt.
  • Ein chirurgischer Eingriff (Operation) am Becken, am Rückenmark oder an den Nerven, die die Fortpflanzungsorgane steuern.

Du kannst in deiner Behandlungsübersicht sehen, ob du diese Erkrankung hattest oder diese Krebstherapien erhalten hast. Falls du keine Behandlungsübersicht hast oder du Fragen hast, kontaktiere bitte dein behandelndes Krankenhaus.

Wenn du Fruchtbarkeitsstörungen, Testosteronmangel oder sexuelle Funktionsstörungen hast, dann liegt dies nicht immer an der Krebstherapie. Fruchtbarkeitsstörungen, Testosteronmangel und sexuelle Funktionsstörungen können auch andere Ursachen haben.

Was sind die Symptome und Anzeichen von Fruchtbarkeitsstörungen, Testosteronmangel und sexuellen Funktionsstörungen?

Es gibt Symptome und Anzeichen, die auf Fruchtbarkeitsstörungen, Testosteronmangel und sexuelle Funktionsstörungen hindeuten können. Auch wenn du diese Symptome und Anzeichen aktuell nicht hast, ist es wichtig, diese zu kennen, falls sie sich in Zukunft entwickeln.

Diese Symptome und Anzeichen können darauf hindeuten, dass du Fruchtbarkeitsstörungen, Testosteronmangel und sexuelle Funktionsstörungen hast:

Fruchtbarkeitsstörungen
  • Kein Erfolg bei dem Versuch, ein Kind zu bekommen, seit mindestens 6 Monaten
  • Niedrige Spermienzahl (unter 5 Millionen Spermien pro ml)
  • Niedrige Spermienqualität
Testosteronmangel
Bei Kindern Bei Erwachsenen
  • Keine Anzeichen der Pubertät (wie zum Beispiel Wachstum des Penis, der Hoden, der Scham- und Achselhaare) im Alter von 14 Jahren oder kein Fortschreiten der Pubertät seit mindestens 6 Monaten
  • Geringes sexuelles Verlangen
  • Schwierigkeiten, eine Erektion zu bekommen oder aufrecht zu erhalten
  • Wenig Muskelmasse
  • Verlust der Körperbehaarung
  • Schwierigkeiten, einen Orgasmus zu haben
Sexuelle Funktionsstörungen
  • Schwierigkeiten, eine Erektion zu bekommen oder aufrecht zu erhalten
  • Schwierigkeiten, einen Orgasmus zu haben
  • Zu frühe, verzögerte oder ausbleibende Ejakulation (Samenerguss)

Falls du eines dieser Symptome oder Anzeichen wiedererkennst, kontaktiere bitte deinen Hausarzt/deine Hausärztin oder Nachsorgespezialist:in.

Ich habe ein erhöhtes Risiko für Fruchtbarkeitsstörungen, Testosteronmangel und sexuelle Funktionsstörungen. Welche Untersuchungen sollte ich machen und wann?

Die empfohlenen Untersuchungen hängen vom Alter und der Krebstherapie ab, die du erhalten hast.

Falls du ein erhöhtes Risiko für Fruchtbarkeitsstörungen, Testosteronmangel und sexuelle Funktionsstörungen hast, solltest du regelmäßig zu deinem Hausarzt/deiner Hausärztin oder Nachsorgespezialist:in gehen und Folgendes durchführen lassen:

  • Messung des Körperwachstums und dem Fortschritt der Pubertät mindestens einmal jährlich, beginnend im Alter von 10-12 Jahren. Dies wird in der Regel durchgeführt, wenn du eine Bestrahlung (12 Gray oder mehr) der Hoden hattest oder eines Bereichs, der die Hoden einschließt.
  • Untersuchung der Spermien (Spermienanalyse) nach der Pubertät, um die Fruchtbarkeit zu messen. Mit einer Spermienanalyse kann die Anzahl und Qualität der Spermien gemessen werden.
    • Ergänzend aus der deutschen S2k-Leitlinie: Diese Untersuchung wird empfohlen, wenn du aufgrund deiner Krebstherapie ein erhöhtes Risiko für eine Unfruchtbarkeit hast. Sie sollte nach Ende der Krebstherapie in regelmäßigen Abständen zur Einschätzung der Fruchtbarkeit erfolgen.
    • Man kann diese Untersuchung außerdem durchführen lassen, wenn man sich bald ein Kind wünscht oder wenn man wissen möchte, wie hoch die Chancen sind, in Zukunft ein Kind zu bekommen. Falls du Probleme hast, ein Kind zu bekommen, können die Ergebnisse einer Spermienanalyse deinem Arzt/deiner Ärztin helfen, dich über verschiedene Behandlungsmöglichkeiten zu beraten. Falls dies nicht möglich ist oder du keine Spermienanalyse durchführen lassen möchtest, sprich bitte mit deinem Hausarzt/deiner Hausärztin oder Nachsorgespezialist:in, ob eine andere Untersuchung hilfreich sein kann.
  • Blutuntersuchung zur Messung der Sexualhormone (Testosteron und ergänzend aus der deutschen S2k-Leitlinie Inhibin B) alle 2-3 Jahre. Dies wird in der Regel durchgeführt, wenn du eine Bestrahlung der Hoden hattest oder eines Bereichs, der die Hoden einschließt.
    • Ergänzend aus der deutschen S2k-Leitlinie: je nach individuellem Risiko jährlich oder mindestens alle 2-3 Jahre. Ein Problem mit der Spermienproduktion kann bereits ab einer Dosis von 4 Gray auftreten, ein Problem mit der Testosteron-Produktion ab einer Dosis von 12 Gray.
    • Wenn du Symptome oder Anzeichen von Hypogonadismus hast oder wenn dein Testosteronspiegel in der Vergangenheit niedrig war, kann dein Hausarzt/deine Hausärztin oder Nachsorgespezialist:in zusätzlich das follikelstimulierende Hormon (FSH) und das luteinisierende Hormon (LH) messen.
  • Besprich mindestens alle 5 Jahre deine sexuelle Vorgeschichte und ob du Symptome und Anzeichen einer sexuellen Dysfunktion hast mit deinem Hausarzt/deiner Hausärztin oder Nachsorgespezialist:in. Dies gilt insbesondere nach Operationen am Becken, am Rückenmark oder an den Nerven, welche die Fortpflanzungsorgane steuern. Dein Hausarzt/deine Hausärztin oder Nachsorgespezialist:in könnte außerdem nach deiner sexuellen Vorgeschichte fragen, falls du einen niedrigen Testosteronspiegel im Blut hast.

Was passiert, wenn ich eine Fruchtbarkeitsstörung, einen Testosteronmangel oder eine sexuelle Funktionsstörung habe?

Falls du eine Fruchtbarkeitsstörung, ein Testosteronmangel oder eine sexuelle Funktionsstörung hast, wird dich dein Hausarzt/deine Hausärztin oder Nachsorgespezialist:in zu Fachpersonen überweisen. Abhängig von den Symptomen oder Anzeichen, die bei dir vorliegen, wirst du überwiesen an:

  • Endokrinolog:in (Arzt/Ärztin spezialisiert auf Hormone und den Stoffwechsel)
  • Androlog:in (Arzt/Ärztin spezialisiert auf männliche Fruchtbarkeit und Kinderwunsch)
  • Urolog:in (Arzt/Ärztin spezialisiert auf Harnwege und die männlichen Fortpflanzungsorgane)

Diese Fachpersonen können weitere Untersuchungen durchführen und verschiedene Möglichkeiten zur Behandlung mit dir besprechen, wie zum Beispiel assistierte Reproduktionsbehandlungen oder eine Hormonersatztherapie (HRT). Es ist wichtig, dass du niemals Testosteronpräparate einnimmst, ohne dies vorher mit einem Arzt/einer Ärztin zu besprechen.

Was kann ich noch tun?

Nicht jeder hat den Wunsch, Vater zu werden. Wenn du jedoch einen Kinderwunsch und ein erhöhtes Risiko für eine Fruchtbarkeitsstörung hast, wird empfohlen, dass du frühzeitig mit deinem/deiner Nachsorgespezialist:in über fruchtbarkeitserhaltende Maßnahmen sprichst, insbesondere wenn vor der Krebstherapie keine Maßnahmen ergriffen wurden, um die Fruchtbarkeit zu sichern. Deine Spermien können eingefroren werden, um sie in Zukunft für eine künstliche Befruchtung (In-vitro-Fertilisation (IVF)) zu nutzen. Für die IVF können auch gespendete Spermien genutzt werden. Auch zum Beispiel eine Adoption ist eine Möglichkeit, um einen Kinderwunsch zu erfüllen.

Zu wissen, dass du ein erhöhtes Risiko für das Auftreten einer Fruchtbarkeitsstörung, eines Testosteronmangels oder einer sexuellen Funktionsstörung hast, kann belastend sein. Es kann deine Beziehungen beeinträchtigen, auch deine sexuellen Beziehungen. Wenn du Probleme mit deiner Sexualität hast, sprich mit deinem Hausarzt/deiner Hausärztin oder Nachsorgespezialist:in. Sie können dich an Fachpersonen für Sexualität überweisen. Es kann hilfreich sein, mit Freund:innen, Familie oder Fachpersonen zu sprechen oder sich mit Patient:innengruppen auszutauschen. Weitere Informationen, wie man die eigene mentale Gesundheit unterstützen kann, finden sich im Kapitel „Mentale Gesundheit”.

Auch wenn es keinen direkten Einfluss auf das Risiko für Fruchtbarkeitsstörungen, Testosteronmangel oder sexuelle Funktionsstörungen hat, ist es dennoch wichtig, einen gesunden Lebensstil zu haben und auf die eigene mentale Gesundheit zu achten. Bereits kleine Veränderungen im Lebensstil können vorteilhaft für die körperliche und mentale Gesundheit sein. Weitere Informationen zu einem gesunden Lebensstil finden sich im Kapitel „Gesundheitsförderung”.

Es ist wichtig, dass du weißt, dass du eine Fruchtbarkeitsstörung, einen Testosteronmangel oder eine sexuelle Funktionsstörung bekommen kannst und dass du die Symptome und Anzeichen kennst. Falls du Fragen hast oder du dir Sorgen machst, kontaktiere deinen Hausarzt/deine Hausärztin oder Nachsorgespezialist:in.

Wo finde ich weitere Informationen?

Weitere Informationen zu Fruchtbarkeitsstörungen, Testosteronmangel oder sexuelle Funktionsstörungen kann man online finden. Es ist wichtig zu beachten, dass diese Informationen nicht immer aktuell oder genau sind.

Weitere Informationen auf Deutsch:

 

Weitere Informationen auf Englisch:

 

Auf dieser Webseite findest du auch Informationen zu weiteren Themen:

Anmerkung

Diese PLAIN Zusammenfassung basiert auf basiert auf der PanCareFollowUp Leitlinie zu „Male fertility problems and sexual dysfunction” [1], welche wiederum auf der entsprechenden IGHG* Leitlinie [2] basiert. Es wurden ergänzend Empfehlungen aus der deutschen S2k-Leitlinie hinzugefügt.

Obwohl sich die PanCare PLAIN Informationsgruppe bemüht, genaue, vollständige und aktuelle Informationen bereitzustellen, kannst du bei deinem Hausarzt/deiner Hausärztin oder Nachsorgespezialist:in überprüfen, ob diese Zusammenfassung die aktuellen verfügbaren Informationen widerspiegelt und ob sie für dich relevant ist.

Bitte verlasse dich nicht ausschließlich auf diese Informationen. Es ist am besten, auch den Rat von qualifizierten Fachpersonen einzuholen, wenn du Fragen zu einer bestimmten Erkrankung, Diagnose oder einem Symptom hast.

Es wird keine ausdrückliche oder stillschweigende Gewährleistung oder Zusicherung hinsichtlich der Genauigkeit, Zuverlässigkeit, Vollständigkeit, Relevanz oder Aktualität dieser Informationen übernommen. PanCare hat die englische Version erstellt und ist nicht für die übersetzten Versionen dieser Zusammenfassung verantwortlich. Die deutschsprachige Version der Zusammenfassung wurde durch die „PLAIN Language Summaries Deutsch-Gruppe“ (Balcerek M., Filbert A-L., Goerens L., Grabow D., Lüdersen J.) verfasst.

Die PanCare-Materialien können kostenlos von allen genutzt werden, die über Spätfolgen und Langzeitnachsorge informieren wollen. Es darf jedoch kein finanzieller Vorteil erzielt werden. Bei jeder Nutzung sollte auf PanCare verwiesen werden und es sollte ein Link zur PanCare-Webseite enthalten sein.

*International Guideline Harmonization Group for Late Effects of Childhood Cancer

Wir verwenden in dieser Broschüre einen Doppelpunkt zum Gendern und möchten damit männliche, weibliche und non-binäre Personen einschließen. Die Broschüre richtet sich vorrangig an ehemalige Patient:innen einer Krebserkrankung im Kindes- und Jugendalter (Survivor). Sie kann auch für Angehörige und Interessierte hilfreich sein.

[1] van Kalsbeek, R. et al. (2021) European PANCAREFOLLOWUP recommendations for surveillance of late effects of childhood, adolescent, and Young Adult Cancer, European journal of cancer. Verfügbar unter: https://www.ejcancer.com/article/S0959-8049(21)00368-3/fulltext

[2] Skinner, R. et al. (2017) Recommendations for gonadotoxicity surveillance in male childhood, adolescent, and young adult cancer survivors: a report from the International Late Effects of Childhood Cancer Guideline Harmonization Group in collaboration with the PanCareSurFup Consortium. Verfügbar unter: https://www.thelancet.com/journals/lanonc/article/PIIS1470-2045(17)30026-8/fulltext